Zwei ungebetene Besucherinnen

Sturmflut an der Wurster Nordseeküste

Ylenia und Zeynep

Diese beiden Besucherinnen werden die Bewohner Deutschlands, insbesondere aber auch die hier aus der Nordseeküstenregion so schnell nicht vergessen. Zunächst kündigte sich der „orkanartige Sturm“ Ylenia an mit allem, was einen solchen Wind eben ausmacht. Und kaum war dieses Ereignis vorbei rollte mit noch größerer Wucht Zeynep hinterher. Nun sind wir hier an der Küste ja Wind gewohnt, er gehört eigentlich zum Alltag. Selbst Sturm lässt uns nicht unbedingt in Panik geraten, aber diese beiden „Damen“ (auch wenn die Namen sehr ungewöhnlich sind, sie sollen weibliche Namen sein), die noch dazu unmittelbar hintreinander über uns hinweg rollten, haben doch so manchen, mich zumindest, gleich in zwei Nächten unruhig schlafen lassen.

Sturmflut

Es war nicht nur Sturm in Orkanstärke angedroht, nein, auch jeweils eine Sturmflut. Das bedeutet, dass die Windrichtung derart ist, dass das Wasser landeinwärts gedrückt wird und bei Hochwasser dann „außer Rand und Band gerät“, mindestens aber 1,5 bis 2,0 Meter über dem mittleren Hochwasser (an der Ostsee ist das etwas niedriger angesiedelt). Und tatsächlich: Das Wasser trat über die Ufer aber dank rechtzeitiger Warnungen und Vorkehrungen passierte dabei nicht so viel wie es hätte sein können.Glücklicherweise,muss man sagen. Denn der Sturm an sich hat große Schäden verursacht.

Küstenschutz

Dabei ist mir mal wieder durch den Kopf gegangen, wie wichtig hier bei uns im Norden der Küstenschutz ist. Ganz besonders auffällig ist das ja direkt am Wasser, wo oftmals hohe Deiche vordergründig erstmal die Sicht versperren. Kaum ein Haus liegt vor diesen Schutzwällen und das aus gutem Grund. Aus den Ereignissen der letzten Jahrzehnte, oftmals sogar Jahrhunderte haben die Bewohner gelernt und ihre Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Bei meinen Spaziergängen durch Wremen zum Beispiel fällt mir immer diese Hinweistafel auf:

Standort Kutterhafen Wremen

Hier wird auf die besonders krassen Sturmfluten hingewiesen, übrigens auch auf die zu trauriger Berühmtheit gelangte Jahrhundertflut 1962. Aber die immer höher gebauten Deiche haben in der Folge eben auch sehr sehr viel bewirkt. Um so wichtiger ist es, diese Bollwerke zwischen Wasser und Land zu schützen.Völlig unverständlich für mich ist dabei, was ich hier im Sommer immer wieder erlebe. Nämlich Besucher, die den Deich zu allen möglichen Dingen missbrauchen: als freien Parkplatz, als Abkürzung zum Strand und so weiter. Nicht schön!

Küstenschutz – Der Mahlbusen

Es gibt aber auch noch andere Maßnahmen zum Küstenschutz. In Wremen gibt es beispielsweise den sogenannten „Mahlbusen“ hinter dem Kutterhafen. Sieht aus wie ein kleiner See und hat eine sehr wichtige Schutzfunktion. Bei Flut läuft er voll und speichert das Wasser. Dann bei Ebbe, wenn der Hafen kein Wasser mehr führt, wird das Tor geöffnet und das gespeicherte Wasser läuft mit einem wuchtigen Schwall in Richtung Hafen und spült dabei möglichst viel angelagerten Schlamm aus dem Hafen. So wirkt man einer Verschlickung entgegen. Zum Land hin ist übrigens eine Vorkehrung getroffen, dass das gespeicherte Salzwasser sich nicht landeinwärts ergießt.

Küstenschutz – Pricke

Sind Euch auch schonmal diese merkwürdigen Reisige aufgefallen, die besonders bei Ebbe aus dem Wattboden herausragen? Was die wohl für eine Bedeutung haben? Das hab ich mich früher oft gefragt, inzwischen weiß ich die Antwort: Die biegsamen, zwischen fünf und sieben Meter langen Birkenstämmchen markieren die Fahrrinnen für kleinere Schiffe, damit diese sicher in den jeweiligen Häfen ankommen.

Fahrbahnmarkierungen der besonderen Art, sogenannte „Pricken“

Jedes Jahr müssen diese Pricken neu gesetzt oder auch ersetzt werden, der Wattboden ist immer in Bewegung und der Zulauf der Priele (kleine Wasserwege, die auch bei Ebbe voller Wasser bleiben) ändern sich permanent. Hinzu kommt natürlich, dass diese so fragil anmutenden Stämmchen auch nicht ewig halten.

Küstenschutz – Faschine

Das ist sicherlich der unbekannteste Begriff. Ich hab ihn auch erst vor kurzer Zeit von einem echten Kenner der Nordsee erfahren. Unter diesem Namen versteht man gebündelte Reisige unterschiedlicher Dicke und Länge für unterschiedliche Schutzaufgaben. Aufgefallen sind sie uns allen schon am Strand, denn den sollen sie vor Windverwehungen schützen.

„Faschine“ dienen zum Schutz gegen Sandverwehungen

Auch hier gilt das, was ich weiter oben schon über den Missbrauch der Deiche geschrieben habe. Mancher Zeitgenosse sieht die Funktion nicht oder falsch und greift beherzt zu, wenn es gilt einen Weg zu verkürzen, ein kleines Feuerchen zu machen oder eine Sandburg mit kleinen Zweigen zu verschönern. Nicht gut – gar nicht gut.

Ach ja, jetzt haben mich die überstandenen Stürme zu so manchem Gedanken veranlasst, der sich rund um den Schutz der Küstengebiete rankt. Aber auch mir ist, und damit komme ich zu den Deichen zurück, natürlich die Schönheit, die davon ausgeht vordergründig ganz wichtig. Wie herrlich ist es, an einem lauen Abend hoch oben auf dem Deich auf einer Bank sitzend auf’s Meer zu schauen.

Idylle hoch oben auf dem Deich

Dann genieße ich die Aussicht, die Ruhe, vielleicht auch die Gedanken, die weit weg schweifen. Aber wie immer im Leben ist das nur eine Seite der Medaille. Ich freue mich jedenfalls schon wieder auf weniger stürmische Zeiten und wunderbare Abende am Meer und am Deich. In diesem Sinne…bis bald