Auf den Spuren von Martha Hüner

Auf den Spuren von 7 Millionen Auswanderern

Heute beschließe ich, das Auswandererhaus, neben dem Klimahaus eines der Top-Besichtigungsziele in den „Havenwelten“Bremerhaven, zu besuchen. Ich hab schon so viel davon gehört, jetzt muss es einfach sein.

Das Auswandererhaus mit seiner einladenden Terrasse

Zunächst einmal bekomme ich einen kleinen Schock. In langen Schlangen stehen die Interessierten vor dem Museum und warten geduldig auf Einlass. Aber schneller als gedacht sind die Corona-Formalitäten erledigt und ich stehe erwartungsvoll an der Kasse. Dann bekomme ich ehrlich gesagt den nächsten Schock: Der Eintritt ist mit Euro 18,50 nicht günstig, es kommen sogar noch Euro 1,50 dazu, wenn man sich das Recht sichern möchte, drinnen auch Fotos machen zu dürfen. Jetzt gibt es aber für mich kein Zurück mehr, ich möchte da hinein.

Eine Pferdenärrin ist sie gewesen, diese Bürste ist ein Original

Martha Hüner – eine von 7 Millionen Auswanderern

Mit der Eintrittskarte bekomme ich die Zugangsdaten zu einer Person, die seinerzeit tatsächlich ausgewandert ist. Von über 7 Millionen sind hier im Museum viele hundert Menschen namentlich erfasst, und einigen davon kann man auf ihrem Lebensweg an verschiedenen Stationen folgen. Es gibt Original-Dokumente, Gegenstände, die in dem jeweiligen Leben eine Rolle gespielt haben, Fotos und immer wieder erklärende Wortbeiträge. Ich folge Martha Hüner.

Schriften als Zeitzeugen

Je nachdem unter welchen Datum man sucht, sind die Schubladen, die dann alle Aufzeichnungen digital enthalten, unterschiedlich in der Ausführung beschriftet. Wie es in der damaligen Zeit üblich war, zum Teil sogar in fein säuberlicher Sütterlin-Handschrift, danach schon mit der Schreibmaschine und später dann mit dem Computer, herrlich authentisch wirkt das auf mich.

Die Jahrgänge, denen auch Martha Hüne zuzuordnen war.

Die Reise beginnt

Aber ich bin so voller Erwartung, ich will jetzt nichts hören sondern etwas erleben, ist es doch ein „Museum zum anfassen“. Also begebe ich mich auf das Schiff. Schon davor warten viele (echte?)Menschen darauf, endlich das Schiff betreten zu können und ihrer hoffentlich besseren Zukunft einen Schritt näher zu kommen. Stimmengewirr um mich herum, ich tauche ein in die Welt der Auswanderer und schaue mich um. Jeder Auswanderer durfte nur sehr wenig seines Besitztums mitnehmen. Ich überlege, was ich wohl in eine solche Kiste gepackt hätte oder packen würde.

Alles Hab und Gut in einer Kiste verstaut.

Die ersten Reisen dauerten wochenlang, ich kann mir kaum vorstellen, wie die Menschen das ausgehalten haben. Teilweise wurden lebende Tiere mitgenommen, zum Beispiel Hühner, die dann nach und nach ihr Leben im Kochtopf beendeten. Geschlafen wurde mit zig Leuten in einer Kabine unter Deck. Seekrank durfte man da aber nicht werden.

Anfang 1920 waren die Schiffe dann aber immerhin so verbessert, dass es zum Beispiel die „Columbus“ in fünf Tagen von Bremerhaven nach New York schaffte. Und auch der Komfort wurde besser. Es gab keine Massenunterkünfte mehr sondern Schlafsäle für „nur“ 18 Personen.

Einzel- oder Doppelkabine? Diese Frage stellte sich höchstens für die Wohlhabenden Menschen.

Auf dem Schiff wurde auch für drei warme Mahlzeiten gesorgt, zuzüglich einem Nachmittagskaffee mit Gebäck. Es gab Musiker, die für Kurzweil sorgten und die Reisenden unterhielten. Wenn ich mich an eine Kreuzfahrt erinnere, die ich vor einigen Jahren mal gemacht habe, liegen da Welten zwischen. Na ja, der Anlass könnte ja auch nicht unterschiedlicher sein.

Ankunft in der neuen Welt

Einen regelrechten Kulturschock haben die Auswanderer wohl bekommen, als sie dann amerikanischen Boden betraten. In der riesigen Empfangshalle der Central Station brach alles gleichzeitig über sie herein. Alles war bunt, laut, groß und im Überfluss vorhanden.

Tante Emma auf amerikanisch

Wer es sich leisten konnte, griff erstmal hinein in die bunte Wundertüte. Manche Auswanderer wollten aber schon hier ihre Herkunft ablegen. Die im Bahnhofsgebäude etablierten Schneider warteten darauf, neue Kleider in Windeseile für die Neuankömmlinge zu nähen.

Neue Kleider für ein neues Leben

Die Wartezeit musste man irgendwie überstehen, da geriet so manch einer gleich mal in die erste große Versuchung und versackte in einer der zahlreichen Kneipen, ebenfalls im Central Station.

So manch einen überkam auch wohl der Auswanderer-Blues.

Zurück zu Martha Hüner. Sie, die bei ihrer Auswanderung in ein neues Leben Anfang zwanzig gewesen ist, heiratet mit 25 Jahren den Bäcker Seeger und betreibt mit ihm eine florierende Bäckerei in New York. Allerdings ereilte sie dann bei einem Wirtschafts-Crash 1929 das Schicksal vieler, sie verloren alles was sie aufgebaut hatten. Von da an war ihr Leben auch nicht auf der Dauer-Überholspur und Martha ging zu einer Familie Adams in Dienst. Ihr Mann starb 1961, Martha besuchte ihre Heimat Deutschland immer wieder, zog in den 1980er Jahren zurück zu ihren Wurzeln nach Bremerhaven, wo sie dann 1987 verstarb.

Ich bin echt beeindruckt, wie hautnah und überzeugend die einzelnen Stationen dargestellt sind. Teilweise habe ich das Gefühl, mitten drin zu sein. Und mitten drin bin ich dann auch in der Einwandererszene. Denn um diesen Bereich ist das Auswandererhaus seit Juni diesen Jahres erweitert. Da bekomme ich einen Eindruck, wie die Einwanderer Ihre neue Wahlheimat Deutschland erleben. Da gehen junge Leute lautstark zu Demonstrationen und ich muss oft zweimal hinschauen, ob die „echt“ sind oder nicht. Ich kann mich an Diskussionsrunden zu dem Thema rund ums ein-/auswandern beteiligen oder auch kleine Spielfilme im eigens errichteten Kinosaal anschauen, die die Zeit der 60/70er Jahre herrlich widerspiegeln.

Irgendwie symbolträchtig. Weltoffenes Bremerhaven. Aus dem Museum heraus ein Blick in die Gegenwart.

Puh, nach drei Stunden bin ich geschafft. Ich hätte mich ohne Weiteres einen ganzen Tag dort aufhalten können, allerdings nimmt man nichts mehr auf. Der Spaziergang durch frühere Zeiten endet dann in einem Souvenirshop der sehr besonderen Art. Nicht der sonst so typische bunte Tand wird hier verkauft, sondern nur Gegenstände, die entweder etwas mit der Thematik oder zumindest mit der Stadt Bremerhaven zu tun haben. Ich erwerbe ein Buch, das mein Interesse weckt und setze mich in das integrierte Restaurant. Dort lasse ich alles nochmal Revue passieren. Mein Entschluss ist schnell gefasst: Ich komme wieder, das lohnt sich in jedem Fall.

Ach ja: Jetzt sehe ich den Eintrittspreis gar nicht mehr als hoch an, er ist berechtigt.